[Sternwarte-Journal] Hauptseite Heft 19 / Mai 2026

PERSEIDEN

Magazin für Meteor-Astronomie und Beobachtung.

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Ströme · 11 min

Eta-Aquariden im Mai 2026 — die Bilanz

Der Mai-Meteor-Strom aus der 1P/Halley-Familie, im Süd-Himmel verankert, brachte im aktuellen Maximum am 6. Mai eine ZHR um 38 und einen Population-Index r von 2,4. Eine Auswertung mit Beobachter-Berichten aus der AKM-Submission und ein Vergleich zur erwarteten 2026-Aktivität.

Mit Heft 19 schließen wir die diesjährige Eta-Aquariden-Saison ab. Der Strom, im IAU Meteor Data Center als Stream 31 unter dem Kürzel ETA geführt, ist in unseren mitteleuropäischen Breiten ein Grenzgang — und gerade deshalb für die visuelle Methodik so interessant. Im aktuellen Heft dokumentieren wir die Beobachter-Meldungen aus dem deutschsprachigen Raum, vergleichen sie mit den IMO-Live-Daten und ordnen die 2026-Aktivität in den langen 1P/Halley-Zyklus ein.

Aktivitätsfenster und Maximum

Die Eta-Aquariden waren in diesem Jahr vom 19. April bis zum 28. Mai aktiv, das Maximum fiel auf die Nacht zum 6. Mai bei einer Sonnen-Longitude von λ_sun = 45,5°. Die IMO meldete in den Stunden um das Maximum eine ZHR von 38, was nahe am langjährigen Erwartungswert von etwa 40 liegt. Der Population-Index r pendelte zwischen 2,3 und 2,5 — leicht unter dem 10-Jahres-Mittel, was auf einen etwas helleren Anteil im Strom hindeutet als statistisch erwartet.

Die geometrische Lage ist die alte: Der Radiant um η Aquarii steht bei RA 22h 30m, Dec −1°. Aus Berlin (52,5° Nord) erreicht er erst gegen 03:30 MESZ eine Höhe h_R von 12°, aus Süddeutschland (48° Nord) immerhin 16°. Die Beobachtungs-Fenster bleiben dadurch schmal — zwischen astronomischer Dämmerungs-Grenze (lm-Reduktion durch Streulicht) und einsetzender nautischer Dämmerung im Osten liegen nur 35 bis 50 Minuten effektiver Beobachtungs-Zeit.

Geschwindigkeit und Erscheinungsbild

Mit v∞ = 66 km/s gehören die Eta-Aquariden zu den schnellsten regelmäßig sichtbaren Strömen. Diese hohe geozentrische Eintrittsgeschwindigkeit erklärt zwei visuelle Merkmale, die mehrere Beobachter im aktuellen Heft beschreiben: die ausgesprochen langen Bahnen (typisch 25° bis 40° Himmelsweg) und die hohe Rate persistenter Nachleuchten ab etwa Magnitude m = +1.

Christian Reuter (Station Aichach, 48,5° N) protokollierte in der Nacht 5./6. Mai bei einer Grenzgröße lm von +6,1 und einem Cloud-Korrektur-Faktor F = 1,0 insgesamt elf gesicherte Eta-Aquariden in T_eff = 42 Minuten. Aus diesen Rohzahlen ergibt sich nach IMO-Formel eine stationäre ZHR von 36 — innerhalb der Fehler im Erwartungsfenster.

Die Submission der AKM-Stationen Berlin-Treptow, Sonneberg, Heppenheim und Linz lagen zwischen ZHR 32 und ZHR 41, mit einer gewichteten Mittelung über 14 Beobachtungs-Intervalle bei ZHR_mean = 37,8 ± 2,9. Bemerkenswert: Der Anteil heller Meteore mit m ≤ 0 lag bei 14 Prozent — leicht über dem Erwartungswert für r ≈ 2,4.

Substrukturen und Sub-Peak-Indizien

Die IMO-Live-Daten zeigen seit etwa 2018 wiederkehrende Hinweise auf einen schmalen Sub-Peak nahe λ_sun = 45,0°, also rund 12 Stunden vor dem Hauptmaximum. In diesem Jahr bestätigte sich dieses Signal nur schwach. Drei Beobachter im Süden Europas (Tarragona, Granada, Catania) meldeten in der Nacht 4./5. Mai erhöhte Raten, die nach Korrektur Werte um ZHR 28 bis 30 ergaben — also keinen ausgeprägten Sub-Peak, sondern eher eine breite Anstiegs-Flanke.

Substruktur-Forschung am Strom ist methodisch heikel: Die geringe Radianten-Höhe in den nördlichen Beobachter-Breiten führt zu großen sin(h_R)-Korrekturen, und kleine Fehler in der lm-Bestimmung schlagen über den Term r^(6,5−lm) exponentiell durch. Die IMO empfiehlt daher für Sub-Peak-Aussagen ausschließlich Beobachter mit h_R > 25° und lm > +5,5 zu gewichten, was den nutzbaren Datensatz für 2026 auf 38 Prozent reduzierte.

1P/Halley als Quelle

Der Mutterkomet 1P/Halley durchläuft die innere Heliosphäre alle 75 bis 76 Jahre. Sein letzter Perihel-Durchgang lag im Februar 1986, der nächste ist für Juli 2061 vorhergesagt. Die Eta-Aquariden sind eine der beiden Tochter-Strömungen — die zweite sind die Orioniden im Oktober, die wir in Heft 22 (Oktober-Ausgabe) ausführlich behandeln werden.

Der Strom-Querschnitt der Eta-Aquariden ist breit: Die Erde durchquert das Halley-Material zwischen λ_sun = 31° und λ_sun = 67°, also etwa 36 Tage lang. Modelliert man die Staubspur entlang der 76-Jahr-Bahn von 1P/Halley, ergeben sich gut sichtbare Filaments aus Perihel-Durchgängen der letzten 3000 Jahre. Insbesondere die Spur von 1404 v. Chr. liefert einen signifikanten Beitrag zum heutigen Maximum, wie Asher und Emelyanenko in mehreren Arbeiten gezeigt haben.

Die nächsten zehn Jahre lassen, basierend auf den aktuellen Spur-Modellen, eine im Trend leicht abnehmende ZHR erwarten — etwa 35 bis 38 als Plateau bis 2030, danach ein flacher Anstieg in Richtung der späten 2030er Jahre, wenn die Erde die 1265-AD-Spur passiert.

Fotografische und Video-Daten 2026

Vier Beobachter im aktuellen Heft betreiben parallel Video-Systeme nach IMO-Standard (Watec-Kameras, UFOCapture-Software). Die Video-Daten der Mai-Nächte 2026 wurden in das IMO-VID-System eingespeist und ergeben eine unabhängige Schätzung der Aktivität, die mit den visuellen Zahlen kompatibel ist: ZHR_video = 35,2 mit größerem Fehlerbalken (± 5,1) aufgrund der geringeren Statistik.

Spektakulär war ein Bolide am 7. Mai um 02:14:33 MESZ, dessen Helligkeit von zwei Stationen unabhängig auf m = −4,2 vermessen wurde. Die Triangulation aus Sonneberg und Heppenheim ergab eine geozentrische Bahn mit Apex-Quadrant-Lage konsistent mit dem ETA-Radiant — also ein später Eta-Aquarid, vermutlich aus einem grob-körnigen Spur-Fragment.

Vergleich mit Vorjahren

Die Aktivität 2026 ordnet sich gut in den 5-Jahres-Trend ein. Die IMO-Live-ZHR-Werte der Eta-Aquariden im Mai-Maximum lagen 2021 bei 41,2, 2022 bei 37,8, 2023 bei 45,1 (leichtes Spur-Resonanz-Signal), 2024 bei 38,4 und 2025 bei 36,9. Der 2026er Wert von 37,8 liegt also fast genau im Median der vergangenen fünf Jahre. Die 2023er Erhöhung wurde damals mit einer engen Passage der 904-v-Chr-Spur in Verbindung gebracht — Vaubaillon-Modelle hatten das im Vorhinein angekündigt, was als methodischer Erfolg gewertet wurde.

Bemerkenswert ist außerdem, dass der Population-Index r in den Jahren mit Spur-Resonanz tendenziell sinkt (mehr helle Meteore, weil das frische Material grobkörniger ist). 2023 wurde r mit 2,1 gemessen, 2026 liegt bei 2,4 — also ohne Resonanz-Signatur, was zur ZHR-Beobachtung konsistent ist.

Methodische Notiz für die kommende Saison

Wer die Eta-Aquariden in den kommenden Jahren beobachten möchte, sollte drei Punkte beachten: Erstens den Beobachtungs-Standort möglichst südlich wählen — jede 5°-Verschiebung nach Süden gewinnt etwa 4° Radianten-Höhe. Zweitens das schmale Fenster vor astronomischer Dämmerungs-Grenze konsequent nutzen, was bedeutet, T_eff in maximal 15-Minuten-Intervalle zu zerlegen, um die Grenzgrößen-Drift während der Morgendämmerung sauber zu erfassen. Drittens die Strom-Zuordnung mit dem aktuellen Radianten-Wanderungsbild korrigieren — der ETA-Radiant verschiebt sich pro Tag um etwa +0,8° in RA und +0,4° in Dec.

Die nächste Maximum-Periode liegt am 5./6. Mai 2027. Sonnen-Longitude und Mondphase (zunehmender Halbmond, untergeht gegen 02:00 MESZ) versprechen günstige Bedingungen.

— Redaktion


Ressort: Ströme